Sven A. Korf - Ingenieur & Industrieberater

Sonderschutzfahrzeuge

Mit diesem heiklen Thema wurde ich vor einigen Jahren konfrontiert, als ich bei einem thailändischen Hersteller von Spezialfahrzeugen die Entwicklung und Produktion von eben solchen übernahm. Um es mal trivial auszudrücken: Das sind Fahrzeuge, die einen besonderen Schutz gegen Angriffe von außen bieten.

Wie viel Schutz? Angriffe welcher Art?

Genau da liegt das Problem und das ist nicht unerheblich, unter Umständen sogar ein lebensbedrohlich. Leider verschlechtert sich die Sicherheitslage in der Welt zunehmends, so dass Behörden, Regierungen, NGOs und andere internationale Organisationen zunehmend zum Schutz ihrer Mitarbeiter auf solche Fahrzeuge angewiesen sind.

Leider musste ich feststellen, dass sich nur wenige wirklich auskennen, am wenigsten die Kunden. Es herrscht ein babylonisches Durcheinander bei den sogenannten Schutzklassen und es gibt ausch schwarze Schafe unter den Herstellern von Sonderschutzfahrzeugen, die dieses Durcheinander zu Lasten ihrer Kunden ausnutzen. Das ist gemeingefährlich.

Seit einigen Jahren bin ich als Berater zu diesem Thema bei Regierungsstellen in einigen Ländern tätig. Dort helfe ich beim Erstellen von Ausschreibungen, auditiere Lieferanten, überwache die Produktion der Fahrzeuge und führe die Endabnahmen durch. Die Qualität der beschafften Fahrzeuge hat sich seitdem teilweise dramatisch verbessert.

Im Folgenden fasse ich hier einfach mal zusammen, was man auf jeden Fall zum Thema "zivile Sonderschutzfahrzeuge" wissen sollte:

  1. Standards und Schutzklassen

Die leider immer noch verbreiteten Schuztklassen B2 bis B7 und NIJ I bis NIJ IV haben keine Aussagekraft über Art und Qualität der Panzerung in einem Fahrzeug.

Es handelt sich hierbei lediglich Ableitungen von Materialstandards. Diese sind ursprünglich für die Bauindustrie entwickelt worden und sagen kaum etwas über den tatsächlichen Schutz aus, den Fahrzeuge bieten, die mit diesen Bezeichnungen versehen werden. Beispiel:

"Das Fahrzeug besitzt eine B6 Panzerung" ist eine typische Aussage in der Branche. Damit soll gesagt werden, dass die Insassen gegen Beschuss bis maximal Sturmgewehr Kal. 7.62 x 51 geschützt sind. Tatsächlich heißt das aber nur, dass Materialien in dem Fahrzeug zur Anwendung gekommen sind, die in einem standardisierten Testverfahren Projektile dieses Kalibers stoppen (hoffentlich!). Das ist ein gewaltiger Unterschied, denn:

  • "B6" sagt nichts über Vollständigkeit, Lage und Position der Materialien im Fahrzeug aus. Wo ist der Schutz verbaut? Was ist mit den Übergängen zwischen Karrosserie und Türen? Wie sind die Durchlässe zwischen Motorraum und Fahrgastzelle geschützt? Sind Schweißnähte und Befestigungspunkte gesichert?
  • "B6" sagt nichts über den Schutz aus, den das Fahrzeug gegen nicht-ballistische Angriffe bietet, zum Beispiel Explosionen. Im Gegenteil, falsch verbaute ballistische Schutzmaterialien können sich hier sehr negativ auswirken.

Das ist alles gefähricher Kokolores!

Seit 1999 gibt es die Vereinigung der Prüfstellen für angriffshemmende Materialien und Konstruktionen (VPAM). Das ist eine Organisation, deren Hauptaufgaben in Forschung, Prüfung und Entwicklung von beschusshemmenden Materialien liegt. Gegründet wurde die VPAM als gemeinsame Organisation amtlicher, ziviler und militärischer Prüfstellen aus fünf europäischen Staaten, die durchschuss- und angriffhemmende Schutzausrüstungen prüfen und zertifizieren.

Nur Fahrzeuge, die eine Zertifizierung der VPAM besitzen, können meiner Meinung nach als hinreichend sicher bezeichnet werden.

Leider hat auch die VPAM durch zahlreiche Änderungen der Schutzklassenbezeichungen nicht unerheblich zu dem bestehenden Durcheinander beigetragen. Dennoch, hier werden Materialien und Einbauzustände seriös getestet und zertifiziert. Es gibt unterschiedliche Zertifikate für ballistischen Schutz und für Schutz gegen Explosionen.

Diese Tests kosten eine Menge Zeit und viel Geld (mindestens ein Fahrzeug geht dabei restlos drauf). Deswegen versuchen vor allem kleinere Hersteller immer wieder die Tests zu umgehen. Lassen Sie sich als Kunde auf nichts ein!

Hier ist eine auszugsweise Übersicht der im Moment aktuellen Schutzklassen. Die geht noch weiter, aber die höheren Klassen sind rein militärisch und spielen im zivilen Fahrzeugbau keine Rolle.

  1. Ballistischer Schutz und Schutz vor Explosionen

Die beiden gängigsten Formen der Bedrohung sind Angriffe mit Wurfgeschossen und Schusswaffen einerseits, sowie Explosionen von Granaten und sogenannten IEDs (Improvised Explosive Devices) andererseits. Für die Techniker und Ingenieure, die den Schutz gegen solche Angriffe entwickeln müssen, besitzen die Schusswaffen den morbiden Charme, dass sie aufgrund der verschiedenen gängigen Kaliber, Waffen- und Munitionsarten relativ leicht kathegorisiert werden können. Ein ballisitisch geschütztes Fahrzeug ist i.d.R. auch gegen Wurfgeschosse sicher, da diese im Vergleich zu abgefeuerten Projektilen eine deutlich niedrigere kinetische Energie besitzen.

Zuverlässiger Schutz gegen Explosionen hingegen ist deutlich schwieriger zu entwickeln. Auch durch eine Explosion werden Projektile freigesetzt, z.B. in Form von Granatsplittern. Diese sind aber vergleichsweise willkürlich in Form und Größe und daher deutlich unberechenbarer als genormte Geschosse aus Gewehren. Noch verherender ist die bei Explosionen frei werdende Druckwelle.

Ohne ins Detail gehen zu wollen, Schutz gegen ballistische Waffen muss andere Eigenschaften haben als Schutz vor Explosionen. Die hohe Kunst bei der Entwicklung eines guten Sonderschutzes besteht darin, die beste Kombination für beide Bedrohungen zu erzielen. Hierfür ist sehr spezielles Fachwissen aus sehr unterschiedlichen Bereichen erforderlich.

  1. Werkstoffe

Materialien, die guten Schutz bieten, müssen gewisse Anforderungen erfüllen, um im Fahrzeugbau zur Anwendung kommen zu können.

  • Sie sollten möglichst leicht sein
  • Sie müssen verarbeitbar (fügbar, formbar) sein
  • Sie müssen wirtschaftlich einsetzbar sein

Bedauerlicherweise gibt es bis heute keinen Werkstoff, das all diese Anforderungen gleichermaßen erfüllt. Im Wesentlichen kommen die folgenden Materialien in Sonderschutzfahrzeugen zum Einsatz:

  • Metallische Werkstoffe (meistens hochfeste Stähle)
  • Aramid-basierte Gewebe
  • Keramiken
  • Hoch verdichtetes Polyethylen (HDPE)
  • Glas

Oft werden diese Materialien auch kombiniert (Sandwich). Wie immer hat alles Vor- und Nachteile. Stahl ist günstig aber schwer, Keramiken sind leicht aber teuer und schlecht zu verarbeiten. Aramid und HDPE liegen irgendwo dazwischen, haben aber nur eine bedingte Schutzwirkung, auf Glas kann bisher nicht verzichtet werden.

  1. Fahrdynamik

Ein nach VPAM 7 geschützter Oberklasse-PKW hat locker eine Masse von 3,5 bis 4 Tonnen. Auch mit Fahrwerks-verstärkung und angepaßter Bremsanlage spürt man diese zusätzliche Masse im Fahrbetrieb deutlich. Veränderungen in der Fahrdynamik der Fahrzeuge sind zwangsläufig die Folge. Der Anwender muss das wissen und sich mit dem Fahr- und vor allem Bremsverhalten seines Fahrzeuges auskennen. In der Praxis ist das leider oft nicht der Fall.

Ein Sonderschutzfahrzeug bietet seinen Insassen nur wirklichen Schutz, solange es in Bewegung ist!

Sobald ein Fahrzeug dauerhaft zum Stillstand gekommen ist und einem Angreifer genug Zeit gegeben wird, ist aller Schutz nutzlos. Ein Fahrertraining ist daher unbedingt wichtig und stellt neben dem eigentlichen Fahrzeug den zweiten entscheidenden Sicherheitsfaktor dar.