Sven A. Korf - Ingenieur & Industrieberater

Mein Freund und Partner Gunter Denk schreibt gern, viel und gut. Vor allem mit seinen lustig-ironischen "Denkzetteln" spricht er mir of aus der Seele. Diese möchte ich Ihnen keinesfalls vorenthalten:

 

1. Denkzettel: Das Heimweh der Expats

„Expats“, so nennt man Menschen, die mit einem hübschen „Financial Package“ ihrer fürsorglichen Konzernmutter versehen auf Empfängen, „Sundowners“ und an Bars der Luxushotels den Respekt genießen, den sie sich nicht verdienen müssen. Auch solche Menschen, die irgendwann im Rotlicht Thailands oder der Philippinen hängen geblieben sind, und auf eher billigen Barhockern ihr Flaschenbier aus dem Styropor-Kühlmantel suckeln, nennen sich bisweilen „Expats“. Schließlich ist da noch die seltene Spezies hart arbeitender Ausländer, die sich fragen, warum sie mit beiden oben genannten Spezies zusammengeworfen und auch „Expats“ genannt werden.

Wenn solche Menschen sich allabendlich oder gelegentlich im Kreise Gleichgesinnter treffen (gegenüber den jeweils anderen Untergattungen empfindet man in der Regel tiefe Verachtung!), bestätigen sie sich zumeist gegenseitig ihre berechtigten und unberechtigten Vorurteile gegenüber den Menschen, die der liebe Gott in all seiner Ungerechtigkeit in dieses schöne Gastland als „Einheimische“ hineingesetzt hat.

So ist der „Expat“ in China fest davon überzeugt, dass die Schöpfungsgeschichte anders verlaufen wäre, wären Adam und Eva nur Chinesen gewesen: Sie hätten den Apfel jedenfalls nicht gestohlen, sondern ihn weggeworfen und die Schlange gegessen. Man isst dort eben alles, was keinen Führerschein hat. Der Expat in Indien wiederum ist sich sicher, dass in seiner wahlheimischen Umgebung ohnehin alles „eins an der Klatsche“ hat und es eine Frage der Zeit ist, wann das ganze Land im Dung der heiligen Kühe versinkt. So bekundet man sich gegenseitig das Leid des „awful normal life“ als Expat und vergisst, über den europäischen Nachbarn zu lästern, wie man das wiederum an Stammtischen im Bajuwarischen über die Griechen oder in englischen Pubs über die „Germans“ tut.

Wohltuend war da kürzlich eine Gemeinschaftsreise der Europäer aus Bangkok zu Europäischen Handelskammer in Laos. Richtig gehört: Die sich da in Brüssel auf so gut wie gar nichts einigen können, haben in Laos eine gemeinsame Handelskammer. Dort klappt’s, warum eigentlich nicht zu Hause? Uns so kam es, wie es kommen musste: beim abendlichen „Bier Lao“ unterhielten sich friedliche Holländer, Franzosen und Deutsche über die Eigenarten ihrer Heimatländer. Und mit jedem Bier wurden die Eigenarten eigenartiger. Da meinte einer, wie toll es doch wäre, wenn jedes Land in Europa seine Stärken in die Gemeinschaft einbrächte: Die Franzosen wären die Köche, die Engländer stellten die Polizei, die Deutschen die Arbeiter, die Schweizer die Banker und die Italiener wären die Liebhaber in einem derart idealen Europa.

Schon träumte man gemeinsam von einer rosigen Zukunft der europäischen Kultur und von baldiger Heimkehr ins Mutterland. Doch dann meldete sich ein skeptischer Franzose: „Und was passiert“, warf der besorgte Gallier ein, "wenn plötzlich die Engländer die Köche werden, die Deutschen die Polizisten, die Franzosen die Arbeiter, die Italiener die Banker und die Schweizer am Ende noch als Liebhaber herhalten müssen?“ Die Stimmung sank. Erkannte man doch, dass in Brüssel wohl heimlich an diesem Szenario gearbeitet wird.

Nun ja, so schlecht ist denn das Leben als „Expat“, egal in welcher Unterkategorie, in Thailand, Laos oder China dieser Aussicht gegenüber eben auch nicht.

2. Denkzettel: Delegationsreisen

Deutschland ist auf Nummer drei der weltweiten Reisenationen nach China und den USA abgerutscht. TUI, Neckermann, Meyers Reisen und Co haben versagt. Politik und Wirtschaft sind gefordert!

Wie Touristik-Forscher mitteilten, machen Delegationskreisen aus Politik und Wirtschaft zwar bereits jetzt 72 % des Reisemarktes aus. Dies ist aber noch bei Weitem zu wenig. Deutschland mit seinen Bundesländern hat 18 Regierungen, etwa 240 Minister, 522 Staatssekretäre und 144 Parlamentsausschüsse. Hinzu kommen 30 DAX-Konzerne mit ihren Betriebsräten, Versicherungszentralen mit ihren Starverkäufern, die Vereinigung der Kassenärzte, NGO-Hilfsorganisationen, Caritas, Lobbyisten-Verbände und Beobachterdelegationen von Amnesty International.

Bei zwei Reisen im Jahr und 20 Teilnehmern pro Delegation ergibt dies ein Potenzial von rund 41.000 Delegationsreisen und 66.254.821 Bonusmeilen bei Lufthansa, die für Upgrades in die First Class, Mitnahme der Sekretärin oder notfalls der Ehefrau genutzt werden könnten. Sinn und Zweck von Delegationsreisen sind es, die deutsche Wirtschaft und ihre Technologie im Ausland vorzustellen und gleichzeitig wichtige Informationen über Lösungsansätze verschiedenster deutscher Politikaufgaben im Ausland zu sammeln. So haben sich die Landesregierung von Baden-Württemberg, der Oberbürgermeister von Stuttgart und der Regierende Oberbürgermeister von Berlin unlängst zusammengetan, um unter dem Projektnamen "BER 21" deutsche Bahn- und Bautechnologie in einem Pilotprojekt "Flughafen unter der Erde" an die Chinesen zu verkaufen. Man stößt angeblich auf ähnliches Interesse wie bei Hochgeschwindigkeitszügen.

Die Vorstände von Thyssen und Siemens reisen nach Vietnam, um sich über Rechte von Arbeitnehmervertretern und Methoden der Korruptionsbekämpfung zu informieren. Volkswagen ist auch hier ein Vorzeigeunternehmen. So weiß man bis hinein in thailändische Regierungskreise, kommen Delegationen regelmäßig dann nach Thailand, wenn es in Deutschland kalt wird. Dann reisen Heerscharen von Management und Mittelmanagement an, besetzen die Luxushotels und beschäftigen Kfz-Zulieferanten, Landentwickler und Regierungsbehörden mit zahlreichen Fragen über die Möglichkeiten der Ansiedlung einer Autofabrik. Wenn es in Deutschland wärmer wird, reisen sie wieder ab und denken nach. Im nächsten Winter geht das Ganze von vorne los. Alljährlich fürchten die Manager der Luxushotels, VW könnte eines Tages das Projekt ganz einstellen. Die Touristikindustrie in Thailand träfe dies ins Mark.

Die beliebtesten Delegationsziele sind Thailand (Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten), Brasilien (Minimierung des Textilverbrauchs an der Copacabana) und Indonesien (Kulturerbe in Bali). Weniger beliebt sind derzeit Syrien (irgendwelche Streitereien im Lande), Saudi Arabien (Enthauptung von Alkoholikern, auch ausländischen!) und Pakistan (Gefährdung der Delegation durch falsch programmierte US-Drohnen). Besonders lohnend sind Delegationsreisen für die Bemühungen von sonst eher weniger im Rampenlicht stehenden Politikern, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu pflegen. Für sie gibt es bei Ankunft ein so genanntes "Briefing" durch Botschaft und Handelskammer (AHK).Was passiert, wenn diese arbeitsmäßig weltweit überlasteten Institutionen einmal versagen, lässt sich an Beispielen darstellen:

So soll Entwicklungsminister Niebel (FDP) Ende 2012, begleitet von vier Journalisten, in Burma unter Einsatz seines Lebens durch einen Fluss geschwommen sein, um die unter Hausarrest stehende Oppositionspolitikerin und Friedensnobelpreisträgerin Aun zu besuchen. Die Enttäuschung soll groß sein, als diese nicht zu Hause war. Beim Briefing war übersehen worden, dass Aun schon ein Jahr zuvor freigekommen war und nunmehr selbst der Regierung angehörte. Niebel traf sie, selbst müde und etwas blass, beim Frühstücksempfang am nächsten Morgen im Außenministerium in Rangoon.

Bundestagsvizepräsident Thierse (SPD) soll bei einem Besuch der Chinesischen Mauer  pressewirksam (in Anlehnung an die Worte des US-Präsidenten Ronald Reagen in Berlin) ins Mikrofon gerufen haben: "Mr. Hu, tear down this wall!" Die anwesenden Chinesen sollen einander dabei fragend angeschaut haben. Bei den Regierungen der besuchten Länder lösen die Delegationen aus Deutschland bisweilen Panik und jedenfalls Überstunden aus.

Wenn während der Reise nicht mindestens der Vizepremier von Laos für den Landwirtschaftsstaatssekretär aus Mecklenburg-Vorpommern und die ihn begleitenden Zahnärzte zur Verfügung steht, wird dies von der Delegationsleitung als unverzeihlicher diplomatischer Fauxpas aufgenommen. Was soll der Zahnarzt denn dem wehrlos mit offenem Mund auf dem Behandlungsstuhl sitzenden  Patienten erzählen, wenn er nicht mindestens einen Vizepremier getroffen hat?

In verschiedenen Entwicklungsländern sollen die Staatschefs nach Vorbild von Saddam Hussein Doppelgänger ausbilden. Diese müssen sich aber nicht erschießen lassen, sondern schlimmer: Sie haben nur eine Aufgabe, nämlich deutschen Delegationsreisen für Fragen zur Verfügung zu stehen und das übliche "Memorandum of Understanding" mit dem Unterstaatssekretär für Kulturfragen aus dem Saarland zu unterzeichnen. Dem Vernehmen nach soll inzwischen auch ALDI-Reisen den Trend erkannt haben: Für überschuldete Kommunen bietet man ab 2014 Billig-Delegationsreisen nach "Malle" und Antalya mit Ryan Air an. Höhepunkt des Programms ist die Unterzeichnung eines Kulturabkommens mit Jürgen Drews (Malle) und eine Literaturlesung von Kaya Karjan (Antalya).

Die Stadtwerke Bochum, unter kritischer Beobachtung wegen drohender Pleite nach einem Steinbrück-Vortrag, sollen als Erste gebucht haben.

3. Denkzettel: Ich sitze im Glashaus...

... und denke gar nicht ans Steinewerfen. Ich staune! Was da draußen so abgeht in Sachen Wertewandel, ist schon rasant. Daran hätten die alten Römer kurz vor dem Untergang ihres Weltreichs die hellste Freude gehabt. Ich habe natürlich auch persönliche Gründe, warum es mir nicht danach ist, Steine zu werfen: Wenn man die 60 überschritten hat und einem im Leben nichts Menschliches fremd war, wird mancher Stein zum Bumerang. Also besser nicht ans Werfen denken!

Da gebe ich mich lieber dem Wandel angepasst. Fußballrecken im TV, die sich nach dem Torerfolg innig küssend auf dem Rasen vereinigen, beobachte ich keinesfalls mit der inneren Gefühlslage eines Voyeurs... Ist doch normal. Man wird nur Weltmeister, wenn das Team hormoniert*, auf dem Rasen und auch sonst. Unsere Fußballfrauen beweisen das seit Jahren. Und das ist auch gut so. Alles okay für mich. Allenfalls ein heimlich aufgenommenes Foto des athletischen Russenzars Putin in engstem Körperkontakt mit einem verschleierten Erdogan könnte mich in dieser Welt noch leicht irritieren.

Ich selbst hingegen habe mich schon zu Beginn meiner Pubertät als Hetero geoutet. Ich erkannte früh, dass ich mich im Körper eines Mannes durchaus wohl fühlte. Besonders dann, wenn Mädchen in der Nähe waren. Ich gebe übrigens zu, dass mein Outing als Hetero damals auch noch keinen großen Mut erforderte. Viele waren wie ich veranlagt, und meine Eltern standen zu mir! Nur in Hinblick auf "Pädophilie" war ich naiv. Ich dachte immer, das sei irgend etwas in Zusammenhang mit Briefmarken sammeln oder vielleicht auch Fußpflege. Erst jetzt habe ich lernen müssen, dass dies vielmehr und zum Glück der einzige Wertewandel war, bei dem sich die Grünen seinerzeit nicht hatten durchsetzen können.

Und dann noch der wunderbare, speziell deutsche Wandel zum sprachlichen Matriarchat! In Leipzig hat unlängst die Vollversammlung der Universität beschlossen, dass es dort nur noch die Bezeichnung "Professorinnen" gibt. Die männliche Form "Professor" wurde der Einfachheit halber abgeschafft. Prächtig, Herr Dekanin! Ich bin auch hier modern und einer Ausweitung dieses Wandels durchaus geneigt: Man sollte das zur Regel machen. In Zukunft empfehle ich, sprachlich nur noch "Tresorknackerinnen", "Schutzgelderpresserinnen" und "Analphabetinnen" zuzulassen. Schluss mit antiquierter Männerdominanz. Ein Hoch auf die Vergewaltigerinnen der deutschen Sprache! Da bin ich konsequent reformorientiert.

So auch beim Erzwingen des Wandels durch Quoten. Quotendruck muss nämlich sein, sonst geht der Wertewandel nicht voran. Der diplomatische Dienst ist da ein Vorbild, auch bei der Berücksichtigung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften. Hilfreich in dieser Hinsicht verschickte eine diplomatische Vertretung jüngst die gemeinsame Einladung des Botschafters und seines Lebenspartners aus der Südsee zum Botschaftsempfang. "H.E. Mister Detlef Müller und Mister Lutung Kasarung geben sich die Ehre (Namen nicht etwa aus Diskretionsgründen geändert und der NSA natürlich bekannt). Nur die stockkonservativen Gäste aus dem Entwicklungsland zerreißen sich noch heute das Maul darüber. Ich sehe die gute Absicht dahinter, die Dominanz mehrgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften zu brechen. Zeit wird's! Sei Vorbild, starkes Europa. Sie erkennen also, ich bin offen für alles, trotz meines fortschreitenden Alters. Ich bin sozusagen ein "Grauer Werte-Wandler-Wolf".

Ich begrüße die moderne Zeit. Ich passe mich freudig an. Ich sitze in meinem Glashaus und werfe einfach mit rosa Wattebäuschchen!

*sorry, Druckfehler erst nach Redaktionsschluss bemerkt. Muss heißen "harmoniert"